Schweige still - Cyrus Haven 1 - Psychothriller

Schweige still - Cyrus Haven 1 - Psychothriller

 

 

 

von: Michael Robotham

Goldmann, 2019

ISBN: 9783641231248

Sprache: Deutsch

512 Seiten, Download: 1349 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Schweige still - Cyrus Haven 1 - Psychothriller



1


Cyrus


»Welche ist es?«, frage ich und beuge mich näher zum Observationsfenster.

»Die Blonde mit dem weiten Pullover, die ein wenig abseits sitzt.«

»Und du erzählst mir nicht, warum ich hier bin?«

»Ich möchte deine Entscheidung nicht beeinflussen.«

»Was entscheide ich denn?«

»Beobachte sie einfach.«

Ich betrachte erneut die gemischte Gruppe von Teenagern. Die meisten tragen Jeans und Oberteile mit langen Ärmeln, um sämtliche selbst zugefügten Verletzungen zu verbergen. Einige ritzen oder kratzen sich, andere fügen sich Verbrennungen zu, sind bulimisch, magersüchtig, zwangsgestört oder hyperaktiv, zählen zu den Pyromanen, Soziopathen oder Narzissten. Einige missbrauchen Drogen oder Nahrungsmittel. Andere schlucken Fremdkörper, rennen vorsätzlich gegen Wände oder gehen absurde Risiken ein.

Evie Cormac hat die Knie an den Körper gezogen, beinahe so als würde sie dem Boden nicht trauen. Sie ist hübsch mit einem Schmollmund; sie könnte achtzehn oder vierzehn sein. Noch nicht ganz Frau, aber auch kein Mädchen, das sich von seiner Kindheit verabschiedet, stattdessen hat sie etwas Altersloses und Unveränderliches, als hätte sie das Schlimmste schon gesehen und überlebt. Ihre braunen Augen werden von künstlich dichten Wimpern und einem fransigen blondierten Bob gerahmt. Sie hält die langen Ärmel ihres Pullovers in den geballten Fäusten, reckt den Hals und entblößt ein Muster aus roten Flecken unterhalb ihres Kiefers, Knutschflecken vielleicht oder Fingerabdrücke.

Adam Guthrie steht neben mir und betrachtet Evie wie den jüngsten Neuzugang im Twycross Zoo.

»Warum ist sie hier?«, frage ich.

»Aktuell wegen schwerer Körperverletzung. Sie hat jemandem mit einem halben Ziegelstein den Kiefer gebrochen.«

»Aktuell?«

»Es war nicht ihre erste Straftat.«

»Wie viele?«

»Noch nicht der Rede wert.«

Er versucht, witzig zu sein, oder stellt sich absichtlich dumm. Wir sind in Langford Hall, einer geschlossenen Einrichtung für Minderjährige, wo Guthrie als Sozialpädagoge arbeitet. Er trägt weite Jeans, Armeestiefel und einen Rugby-Pullover und gibt sich alle Mühe, auszusehen wie »einer von ihnen«; jemand, der die Kriminalität und die Konflikte der Jugend versteht, und nicht wie ein kleiner unterbezahlter öffentlicher Angestellter mit Frau, zwei Kindern und einer Hypothek. Wir haben zusammen studiert und im selben College gewohnt. Ich würde ihn nicht als Freund bezeichnen, eher als flüchtigen Bekannten, obwohl ich vor ein paar Jahren bei seiner Hochzeit war und mit einer der Brautjungfern geschlafen habe. Ich wusste nicht, dass es Guthries jüngste Schwester war. Hätte es einen Unterschied gemacht? Ich weiß es nicht. Er hat es mir nicht übel genommen.

»Bist du bereit?«

Ich nicke.

Wir betreten den Raum, nehmen zwei Stühle und setzen uns in den Kreis von Teenagern, die uns mit einer Mischung aus Argwohn und Langeweile ansehen.

»Wir haben heute einen Besucher«, sagt Guthrie. »Das ist Cyrus Haven.«

»Wer ist er?«, fragt eins der Mädchen.

»Ich bin Psychologe«, antworte ich.

»Noch einer!«, sagt das Mädchen und verzieht das Gesicht.

»Cyrus ist hier, um zu beobachten.«

»Uns oder dich?«

»Beides.«

Ich achte auf Evies Reaktion. Sie mustert mich ausdruckslos.

Als Guthrie die Beine übereinanderschlägt, rutscht der Saum seines Hosenbeins hoch und entblößt einen blassen, unbehaarten Knöchel. Er ist der Typ munteres Dickerchen, der sich, wenn er etwas anfängt, die Hände reibt in Erwartung des Spaßes, den er haben wird.

»Beginnen wir mit einer Vorstellungsrunde, ja? Ich möchte, dass ihr Cyrus euren Namen sagt, woher ihr kommt und warum ihr hier seid. Wer möchte anfangen?«

Niemand antwortet.

»Wie wär’s mit dir, Alana?«

Sie schüttelt den Kopf. Ich sitze Evie direkt gegenüber. Sie weiß, dass ich sie ansehe.

»Holly?«, fragt Guthrie.

»Nee.«

»Evie?«

Sie reagiert nicht.

»Schön zu sehen, dass du heute mehr anhast«, sagt Guthrie. »Und du auch, Holly.«

Evie schnaubt.

»Das war ein legitimer Protest«, entgegnet Holly und wird lebhafter. »Wir haben gegen überkommene Vorstellungen von Klasse und Gender protestiert, die in diesem von weißen Männern dominierten Gulag herrschen.«

»Danke, Genossin«, sagt Guthrie und wechselt rasch das Thema. »Willst du dann den Anfang machen, Nathan?«

»Nenn mich nicht Nathan«, sagt eine Bohnenstange von einem Jungen mit Pickeln auf der Stirn.

»Wie soll ich dich denn nennen?«

»Nat.«

»Wie ein Insekt?«, fragt Evie.

Er buchstabiert es: »N … A … T.«

Guthrie zieht einen kleinen Strickteddybär aus der Tasche und wirft ihn Nat zu. »Du fängst an. Denkt dran, wer immer den Bär hat, hat das Rederecht. Niemand darf ihn unterbrechen.«

Nat lässt den Teddy auf seinem Oberschenkel wippen.

»Ich bin aus Sheffield, und ich bin hier, weil ich in den VW meines Nachbarn gekackt habe, als er ihn offen gelassen hat.«

Allgemeines Gekicher. Evie stimmt nicht mit ein.

»Warum hast du das getan?«, fragt Guthrie.

Nat zuckt nonchalant die Schultern. »Es war lustig.«

»Auf den Fahrersitz?«, fragt Holly.

»Ja. Klar. Wohin sonst? Der Vollpfosten hat sich bei der Polizei beschwert, da haben meine Kumpel und ich ihm eine Abreibung verpasst.«

»Hast du deswegen ein schlechtes Gewissen?«, fragt Guthrie.

»Eigentlich nicht.«

»Ihm mussten Metallplatten in den Schädel eingesetzt werden.«

»Ja, aber er hatte eine Versicherung und bekam eine Entschädigung. Meine Mum musste eine Strafe zahlen. Meiner Meinung nach hat der Wichser daran noch Geld verdient

Guthrie will widersprechen, überlegt es sich dann aber anders, vielleicht weil er die Aussichtslosigkeit erkennt.

Der Teddybär wird weitergegeben an Reebah aus Nottingham, die quälend dünn ist und sich die Lippen zusammengenäht hat, weil ihr Vater sie dazu zwingen wollte, etwas zu essen.

»Was solltest du denn essen?«, fragt eins der anderen Mädchen, das so dick ist, dass ihre Oberschenkel ihre Knie auseinander drücken.

»Essen.«

»Was für Essen?«

»Geburtstagskuchen.«

»Du bist bescheuert.«

Guthrie interveniert. »Bitte keine kritischen Bemerkungen, Cordelia. Du darfst nur sprechen, wenn du den Bären hast.«

»Dann gib her«, sagt sie und reißt ihn aus Reebahs Schoß.

»Hey, ich war noch nicht fertig!«

Die Mädchen ringen um den Teddy, bis Guthrie dazwischengeht, aber Reebah hat vergessen, was sie sagen wollte.

Der Bär ist auf einem neuen Schoß. »Ich heiße Cordelia, ich bin aus Leeds, und wenn jemand mir blöd kommt, gibt’s Krieg, verstehst du. Dann muss er bezahlen.«

»Du wirst wütend?«, fragt Guthrie.

»Ja.«

»Was macht dich denn zum Beispiel wütend?«

»Wenn Leute sagen, ich wär fett.«

»Du bist fett«, sagt Evie.

»Halt dein verdammtes Maul!«, brüllt Cordelia und springt auf. »Wenn du das noch mal sagst, kriegst du auf die Fresse.«

Guthrie hat sich zwischen die beiden gestellt. »Entschuldige dich, Evie.«

Evie lächelt süß. »Es tut mir leid, dass ich dich fett genannt habe, Cordelia. Ich bin sicher, du hast abgenommen. Du siehst regelrecht grazil aus.«

»Was heißt das?«, fragt sie.

»Dünn.«

»Leck mich.«

»Okay, wir sollten uns alle wieder beruhigen«, sagt Guthrie. »Cordelia, warum bist du hier?«

»Ich bin zu früh erwachsen geworden«, antwortet sie. »Ich hab meine Unschuld mit, was, elf verloren. Ich hab mit Typen geschlafen und mit Mädchen geschlafen und eine Menge Gras geraucht. Mit zwölf hab ich Heroin probiert und mit dreizehn Crystal Meth.«

Evie verdreht die Augen.

Cordelia starrt sie wütend an. »Meine Mom hat mir die Polizei auf den Hals gehetzt, deshalb hab ich versucht, sie mit Putzmittel zu vergiften.«

»Um sie zu bestrafen?«, fragt Guthrie.

»Kann sein«, sagt Cordelia. »Es war mehr wie ein Experiment. Ich wollte irgendwie sehen, was passiert.«

»Hat es geklappt?«, fragt Nat.

»Nee«, erwidert Cordelia. »Sie hat gesagt, die Suppe schmeckt komisch, und hat ihren Teller nicht leer gegessen. Sie musste bloß kotzen.«

»Du hättest Eisenhut nehmen sollen«, sagt Nat.

»Was ist das?«

»Eine Pflanze. Ich hab von einem Gärtner gehört, der gestorben ist, nur weil er die Blätter berührt hat.«

»Meine Mum mag keine Gartenarbeit«, sagt Cordelia, ohne zu begreifen, dass es darum überhaupt nicht geht.

Guthrie gibt Evie den Teddybär. »Du bist dran.«

»Nee.«

»Warum nicht?«

»Die Details meines Lebens sind irrelevant.«

»Das ist nicht wahr.«

Evie beugt sich seufzend vor, stützt die Unterarme auf die Knie und drückt den Bär mit beiden Händen. Ihr Akzent verändert sich.

»Mein Vater ist ein von Ehrgeiz zerfressener Zuckerbäcker aus Belgien gewesen. Er litt unter minderschwerer Narkolepsie und hatte eine Schwäche für kleine Jungen. Meine Mutter war eine fünfzehnjährige Prostituierte namens Chloe mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen …«

Ich lache laut los. Alle sehen mich an.

»Das ist aus Austin Powers«,...

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